Warum Dopamin-Detox allein nicht reicht

Wilhelm Tupy vor der Skyline von Manhattan, Autor des Beitrags über Dopamin-Detox
© Peter Tupy

Anfang des Jahres bin ich in einer Buchhandlung am Wiener Hauptbahnhof über ein Buch gestolpert, das mitten in mein Thema trifft. „Attensity!“ heißt es, im Untertitel nennt es sich ein Manifest der Bewegung zur Befreiung der Aufmerksamkeit. Geschrieben hat es ein Kollektiv namens Friends of Attention rund um den Princeton-Historiker D. Graham Burnett.

Auf dem Heimweg habe ich am Handy nachgeschaut, wer dahintersteckt. So bin ich bei der Strother School of Radical Attention gelandet, einer Schule für Aufmerksamkeit in Brooklyn. Eine Reise nach New York stand für März ohnehin schon in meinem Kalender. Seit dem Tag am Hauptbahnhof hatte sie ein Ziel.

Mit Aufmerksamkeit und Führung beschäftige ich mich seit Jahren. Schon 2024 habe ich beim TalentForum in Wien eine Keynote darüber gehalten, was die ständige Flut an Reizen mit Teams und ihren Führungskräften macht. In Brooklyn wollte ich die Menschen kennenlernen, die aus diesem Thema eine Bewegung machen. Ihr Ansatz geht deutlich weiter als ein Wochenende Dopamin-Detox.

Eintritt in die Schule für Aufmerksamkeit nur mit QR-Code

Am 25. März bin ich in DUMBO gestanden, dem Viertel unter der Manhattan Bridge, vor einem sehr cleanen, minimalistischen Bürohaus in der Washington Street. Ausgerechnet in die Schule für Aufmerksamkeit kam ich nur mit einem QR-Code am Handy, den ich an das Drehkreuz in der Lobby halten musste.

Im siebten Stock hat an diesem Mittwochabend ein Attention Lab stattgefunden, ein Workshop zur Frage, welche Rolle Bündnisse für die Bewegung spielen. Das Publikum war bunt gemischt, sehr viele davon Künstler, Musiker und Journalisten. Ich hatte den Eindruck, dass viele von ihnen spüren, wie ihre Kreativität unter Druck gerät. Sie waren gekommen, um ihre menschlichen Fähigkeiten zu schützen.

Ein großes Thema war dort Achtsamkeit. Es ging darum, sich bewusst zu machen, wie viele Facetten Aufmerksamkeit eigentlich hat. Konzentration auf eine Aufgabe ist nur eine davon. Genauso gehört dazu, wie wir einem Menschen zuhören oder wie lange wir bei einem Gedanken bleiben können.

Einer der Teilnehmer war Michael Weissenstein, Reporter der Associated Press. Wir haben uns sofort gut verstanden, auch weil er den Workshop selbst mitgemacht hat. Zwei Wochen später, ich war längst wieder in Wien, hat er sich gemeldet, weil er seine Geschichte noch am selben Tag fertig schreiben wollte. Aus unserem Gespräch ist ein Satz in seiner Reportage gelandet, die am 15. April unter anderem bei Fortune erschienen ist. Disziplin allein reicht heute nicht mehr, habe ich ihm gesagt.

Washington Street in DUMBO, Brooklyn, mit Blick auf die Manhattan Bridge
Die Washington Street in DUMBO. Hier liegt die Schule für Aufmerksamkeit. Foto: © Peter Tupy

Dopamin-Detox senkt dein Dopamin nicht

Den Begriff Dopamin-Detox kennst du vermutlich aus Social Media. Gemeint sind ein paar Stunden, ein Tag oder ein Wochenende ohne Handy, Serien, Süßes und alles andere, was schnell gut tut. Bekannt geworden ist die Idee Ende 2019 als „Dopamine Fasting“ durch den kalifornischen Psychologen Cameron Sepah.

Sepah hatte etwas sehr Bodenständiges im Sinn. Aus der Verhaltenstherapie hat er die Idee übernommen, die Auslöser zu verringern, die uns zu einer Gewohnheit verleiten. Gemeint sind das Läuten, das Vibrieren und die kleine rote Zahl auf dem App-Symbol.

Im Netz ist daraus eine Kur geworden, als könnte man Dopamin wie ein Gift aus dem Körper spülen. Das funktioniert so nicht. Der Arzt Peter Grinspoon erklärt bei Harvard Health, dass der Dopaminspiegel nicht sinkt, nur weil du auf Reize verzichtest. Dopamin ist ein Botenstoff, den dein Gehirn jeden Tag für Antrieb und Bewegung braucht.

In einem Punkt hat der Trend trotzdem recht. Du kennst ihn von der Tafel Schokolade. Das erste Stück schmeckt großartig, beim letzten ist von der Begeisterung nicht mehr viel übrig, obwohl die Schokolade gleich geblieben ist. Was sich ständig wiederholt, reizt uns immer weniger, also greifen wir zum nächsten, etwas stärkeren Reiz. In meiner Keynote vergleiche ich das mit einem Wellenbad, in dem jede neue Welle ein bisschen kleiner ankommt.

Wie sehr das unseren Alltag prägt, misst die Informatikerin Gloria Mark seit über zwanzig Jahren. In ihrer ersten Studie, erschienen 2004, sind Menschen im Schnitt zweieinhalb Minuten bei einem Bildschirm geblieben, bevor sie zu etwas anderem gewechselt haben. In ihren jüngsten Messungen liegt diese Aufmerksamkeitsspanne bei 47 Sekunden.

Disziplin allein reicht heute nicht mehr

Ein Wochenende ohne Handy fühlt sich gut an, weil die Auslöser weg sind. Am Montag warten dieselben Benachrichtigungen, dieselben Gruppenchats und dieselbe Erwartung, dass du in fünf Minuten antwortest. Ob du es Dopamin-Detox oder Digital Detox nennst, nach dem freien Wochenende stehst du wieder allein gegen das Handy.

Auf der anderen Seite arbeiten ganze Teams von Entwicklern daran, dass du länger schaust. In Brooklyn nennen sie das Attention Fracking. Wie beim Fracking wird mit Druck herausgeholt, was sich irgendwie herauspressen lässt, nur liegt der Rohstoff in diesem Fall in deinem Kopf. Mit Willenskraft hältst du dagegen eine Weile durch, auf Dauer verlierst du dieses Spiel.

Genau deshalb finde ich es so wertvoll, dass es Communities wie die in Brooklyn gibt. Es braucht eine Bewegung, in der wir unsere Energie und unsere Gedanken bündeln. Gemeinsam lassen sich Strategien entwickeln, wie wir die Aufmerksamkeit der Menschen schützen, weil sie von allen Seiten bearbeitet wird. Die Schule arbeitet deshalb mit Gruppen. Zu ihren Übungen gehört zum Beispiel, vier Minuten lang bei einem einzigen Gegenstand zu bleiben, gemeinsam mit anderen im selben Raum.

Ende August war ich an drei Mittwochabenden bei einem Online-Seminar der Schule dabei, um mit der Community im Austausch zu bleiben. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Gedanken in den Führungsalltag zu übersetzen.

Aufmerksamkeit ist im Team eine Führungsaufgabe

Was für eine Gesellschaft gilt, gilt im Kleinen für jedes Team. Eine Führungskraft kann ihren Leuten nicht verordnen, sich besser zu konzentrieren. Sie kann aber die Bedingungen ändern, unter denen alle arbeiten.

Vereinbart Antwortzeiten

Wenn im Team klar ist, dass eine Mail bis zum Abend beantwortet sein darf, muss niemand mehr alle zehn Minuten nachschauen. Ständige Erreichbarkeit und konzentrierte Arbeit vertragen sich nicht.

Schützt Zeiten für konzentrierte Arbeit

Eine Klientin von mir hat eine Woche lang feste Zeiten für Mails und Meetings eingehalten und sich jeden Tag einen ungestörten Block freigehalten. Schon nach wenigen Tagen hat sie mir erzählt, dass sie spürbar mehr geschafft hat und besser gelaunt war.

Sammelt Fragen, bevor ihr sie schickt

Jede Nachricht, die sofort rausgeht, holt jemanden mitten aus einer Aufgabe. Wer Ideen und Rückfragen bündelt und einmal am Tag bespricht, schenkt dem ganzen Team ungestörte Stunden.

Macht Pausen sichtbar

Wenn die Chefin selbst vom Schreibtisch aufsteht, trauen sich auch die anderen.

Diese Gedanken sind der Kern meiner Keynote „Leadership im Dopamin-Overkill“. Brooklyn hat mich darin bestärkt, dass gemeinsame Regeln im Team mehr bewirken als jeder Tipp für Einzelne.

Wenn du für dich selbst klären willst, wohin deine Aufmerksamkeit jeden Tag fließt, ist ein Business Coaching ein guter Rahmen dafür. Ein einfacher Anfang ist das Schreiben mit der Hand. Warum das so gut wirkt, steht in meinem Beitrag über die Vorteile von Journaling.

Disziplin bringt dich durch einen Sonntag ohne Handy. Durch den Alltag kommst du leichter, wenn dein Team dieselben Regeln hat.

Häufige Fragen zu Dopamin-Detox

Was ist Dopamin-Detox?

Dopamin-Detox ist ein bewusster Verzicht auf schnelle Reize wie Social Media, Serien oder Snacks für einige Stunden oder Tage. Die Idee kommt aus der Verhaltenstherapie und soll Gewohnheiten unterbrechen, die durch Auslöser wie Benachrichtigungen entstehen.

Funktioniert Dopamin-Detox?

Der Dopaminspiegel sinkt durch den Verzicht nicht, das ist ein Missverständnis. Wirksam ist der Teil, der die Auslöser verringert. Wer Benachrichtigungen abschaltet und das Handy beim Arbeiten in eine Lade legt, greift seltener danach.

Wie lange sollte ein Dopamin-Detox dauern?

Eine wissenschaftlich belegte Dauer gibt es nicht. Mehr als ein langes Wochenende bringen kleine Regeln, die du jeden Tag einhältst, etwa feste Zeiten für Mails.

Was hat Dopamin-Detox mit Führung zu tun?

Führungskräfte prägen, wie oft ihr Team unterbrochen wird. Antwortzeiten, Meetingkultur und Pausen entscheiden mit, ob konzentrierte Arbeit überhaupt möglich ist.

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