Belastungssteuerung statt Obstkorb: Was Führung vom Spitzensport lernt

Belastungssteuerung - Was Führungskräfte aus dem Spitzensport lernen können

„Be neither cocky with victory, nor broken by defeat”
Jigoro Kano, Begründer des Judo

Führung ist kein Sport, sondern auch nur ein Job – so lautete ja die Headline dieses Artikels. Darin bezieht sich Autor Michael Köttritsch auf die von Thomas Pisar aufgestellte These, dass Spitzensport und Führung problematisch zueinander stünden und daher schlecht vergleichbar wären. Der Grund dafür liege darin, dass es in der Führung, im Gegensatz zum Spitzensport keine fixen Regeln, kein abgestecktes Spielfeld und keinen Schlusspfiff gäbe.

Zur Einleitung zitiert Michael Köttritsch Thomas Pisar: „Führung ist auch nur ein Job. Kein Sport. Schon gar kein Hochleistungssport.“ Der Satz sitzt, das muss man ihm lassen. Bei mir dreht er trotzdem den Magen um, und zwar so gründlich, dass ich mich hingesetzt und diesen Text geschrieben habe.

Nachdem es sich in dem Artikel offenkundig um eine konträre Perspektive zu meiner eigenen Positionierung handelt, möchte ich als ehemaliger Leistungssportler, der selbst lange Jahre Erfahrung als Führungskraft großer Teams im Konzernumfeld mitbringt, meine persönliche Meinung als Reaktion dazu teilen.

Führung ist mehr als nur ein Job

Bevor ich auf die Details eingehe, bei denen ich zu einem anderen Schluss komme, möchte ich zum Einstiegssatz noch ein paar Gedanken teilen. Führung ist mehr als „nur ein Job“, denn sie geht mit jeder Menge Verantwortung einher und ist – richtig gemacht – eine edelmütige Aufgabe, derer sich professionell zu widmen eine Menge Energie abverlangt.

Genau hier kommt der Spitzensport ins Spiel, denn professionelle Verantwortungsübernahme bedeutet auch, Konsequenzen zu tragen. Konsequenzen in physischer, wie psychischer Hinsicht und die zu meistern kann einen Menschen an die Grenzen bringen. Im Spitzensport passiert das tagtäglich, denn der Anspruch an der Spitze zu stehen erfordert nun mal eben Höchstleistungen und für die müssen Körper, Geist und Seele als ganzheitliche Dreieinigkeit in möglichst perfektem Zusammenspiel kooperieren. Spitzensport liefert die Antworten wie Menschen das unter allerhöchstem Druck (der in der Führung nun mal auch vorkommt) Woche für Woche über teilweise Jahre hinweg schaffen.

Was der Sport der Wirtschaft voraus hat: Belastung und Erholung

Der Mensch ist für Leistung gemacht, nicht für einen Job. Der Mensch ist gebaut dafür Belastungen zu überstehen und gestärkt daraus hervorzugehen. Das ist wie ein Bizeps, der belastet wird und wenn es richtig gemacht wird, dann auch stärker wird. Der Sport hat als einzige Domäne systematisch ausgearbeitet, wie sich Belastung und Erholung über Jahre abwechseln müssen, damit ein Mensch oben bleibt. Die Wirtschaft hat dazu keine passende Lösung. Keine Trainingszyklen, Belastungssteuerung, oder Regenerationsplanung. Überspitzt ausgedrückt, gibt es lediglich Dauerlast mit Obstkorb. Die zivile Automobilindustrie lernt von der Formel 1, die zivile Luftfahrt von der Raumfahrt und die Psychologie ganz stark von menschlichen Ausnahmeleistungen, deren Beispiele zuhauf im Bereich des Spitzensports gefunden werden können.

Der eine Unterschied: Transparenz

Abgesehen davon, dass in der Wirtschaft meist weniger geschwitzt wird, gibt es aus meiner Sicht lediglich einen großen Unterschied zwischen dem Sport und der Wirtschaftswelt. Im Spitzensport wird jede Leistung auf die Waagschale gelegt. Überall gibt es Reporter und Journalisten, die ständig recherchieren und analysieren was wer wann wie gesagt, getan oder gegessen hat und wie es sich womöglich auf seine Leistung ausgewirkt haben könnte oder auswirken wird. Das schafft Transparenz und Nachvollziehbarkeit, anstatt der Verwirrungen im undurchsichtigen Konzerndschungel. Aus meinen Analysen der Sportwelt kann ich eines mit Sicherheit sagen – in den allerseltensten Fällen sind plötzliche Leistungseinbrüche reine Zufälle, sondern vielmehr eine Kette an bewussten, wie unbewussten Denk- und Verhaltensmustern, die im Vorfeld an den Tag gelegt wurden. Im Nachhinein sind es häufig einfach erklärbare Dinge, die vorhersagbare Auswirkungen haben, aber ein Leben wird bekannterweise vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Daher ist es unglaublich spannend genau diese Muster zu analysieren, anschließend zu beobachten, wie sie sich ausgewirkt haben und sie dann auf die Optimierung menschlicher Leistungsfähigkeit zu übertragen. Ich halte die Vergleiche zum Spitzensport somit perfekt dafür geeignet.

Führung als Aufgabe, nicht als Tauschgeschäft

Manch einer könnte jetzt einwenden – ja, aber Spitzensportler bekommen mehr bezahlt und daher sollte der Leistungsdruck nicht gleichermaßen in die Führung überschwappen. Ich sage – wer so denkt, sollte seinen Anspruch eine Führungsperson zu sein noch einmal überdenken. Abgesehen davon, dass es im Spitzensport mehr Geringverdiener gibt, die von ihrem Job nicht einmal richtig leben können und verhältnismäßig nur wenige Spitzenverdiener, möchte ich eine andere Sichtweise anbieten. Wir brauchen Menschen in der Führung die diese Rolle weniger aus der Brille „was gebe ich und was bekomme ich dafür“ sehen, sondern vielmehr als jene verantwortungsvolle Aufgabe, die sie ist. Eine Aufgabe, der ich mich mit voller Liebe und Hingabe widme, weil ich damit etwas diene, das größer ist als ich selbst. Viktor Frankl würde dabei von der Selbsttranszendenz des Menschen sprechen. Dort wo ich mich mit voller Hingabe einem Menschen oder einer Aufgabe widme, die über mich selbst hinausreicht, werde ich ganz Mensch.

Drei Punkte, an denen ich anders denke

Zwei seiner Punkte teile ich uneingeschränkt. Organisationen wie ein Zahnradwerk zu behandeln und Komplexes für kompliziert zu halten, ist ein echter Denkfehler. Und der Satz, dass die gefährlichste Eigenschaft einer Führungskraft nicht Inkompetenz ist, sondern Durchsetzungskraft im falschen Modell ist, gehört für mich zum Klügsten, was ich heuer zu diesem Thema gelesen habe. Genau deshalb möchte ich auf drei andere Stellen eingehen, an denen ich zu einem anderen Schluss komme.

1. Der Sportler ist nicht der Sport

Thomas Pisar kritisiert, dass die Aussage „Was Führungskräfte vom Spitzensport lernen können“ falsch gewählt sei, weil Führung kein Sport sei. Dadurch wird fälschlicherweise suggeriert, dass Spitzensport sich auf den Sportler selbst beschränkt. Darum geht es allerdings nicht, denn Spitzensport ist ein System. Es ist eine Branche in der Menschen ihrem Beruf nachgehen, genauso wie in dem Handel, der Finanz- oder Baubranche. Auch dort gibt es Angestellte, Arbeiter, genauso wie Führungskräfte in Form von Trainern, Sportdirektoren oder Präsidenten. Und da wie dort sind auch Personen, die ihren Job besser oder schlechter machen. Je stärker eine Aufgabe im Rampenlicht steht, desto größer wird der Druck, was dazu führt, dass manche Posten dann eher mit einem Schleudersitz, anstatt mit einem Traumjob vergleichbar sind. Erwartungshaltungen, Leistungsdruck und Rollenbewusstsein sind also genau gleich wie in der Wirtschaft, nur um ein Vielfaches exponierter und daher beobachtbarer. Spitzensport ist viel mehr als jemand der 100 Meter unter zehn Sekunden läuft, weshalb diese Behauptung „Führung sei kein Sport“ einfach zu kurz gegriffen ist

2. Wenn Feuer am Dach ist

Jeder der einmal in seinem Leben ernsthaft sportliche Ziele verfolgt hat wird wissen, dass Erfolg weder im Beruf, aber genauso wenig im Sport nach mathematischen Regeln oder fixen Grenzen ablaufen würde. Erfolg ist das was folgt, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Das ist nichts Planbares, sondern ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten, die sich definitiv massiv beeinflussen lassen. Genau um diese positive Beeinflussung geht es. Aus der Organisationswissenschaft und evidenzbasierten Arbeit mit Teams, wissen wir eindeutig, dass die besten Teams auch nach klaren Normen und Regeln ablaufen. Dabei wird geregelt, worauf zu achten ist, was gemessen wird, was kontrolliert wird, wie man auf Krisen reagiert, wie man Ressourcen verteilt und vor allem wie man sich in welcher Situation bestmöglich verhält. Normen sind nicht das, was man sagt, sondern das, was du tust, wenn Feuer am Dach ist. Führungsarbeit ist also wesentlich mehr als ein bloßes Reagieren auf Menschen, die nicht mitspielen, Märkte die sich drehen oder Regeln die sich laufend ändern. Führung bedeutet auch die Grundlage dafür zu bereiten, dass ein System so aufgestellt ist, dass es sich ändernden Parametern (weil das weiß, man, dass die Welt sich ständig dreht) bestmöglich anpassen kann. Dazu braucht es nun einmal Regeln und „die Regel“ ist ebenso ein dehnbarer Begriff. Ich benutze am liebsten den Begriff der klaren Prinzipien die als Handlungsrichtlinien dienen. Sie können mit den Leitplanken einer Autobahn verglichen werden. Dazwischen kann man sich frei bewegen, aber sie sorgen dafür, dass das System in die richtige Richtung steuert.

3. Geborgt oder verdient?

Die dritte Behauptung ist für mich die schwerwiegendste, und zwar, dass die Analogie zum Spitzensport mit einer geborgten Statuserhöhung einhergehe. Zwar ist mir relativ klar, woher diese Behauptung kommt, weil häufig alles, was mit Spitzensport assoziiert wird, auch glorifiziert und unreflektiert übernommen wird. Allerdings basiert die Behauptung auf der Fehlannahme, dass wer die Prinzipien des Spitzensports lernt, Statuserhöhung erfährt. Das ist schlichtweg falsch. In Wahrheit ist es im Optimalfall so, dass Spitzenleistungen mit einer Statuserhöhung einhergehen, und daran ist aus meiner Sicht überhaupt nichts verkehrt. Statuserhöhung im außen darf nicht mit Egomanie und Selbstverherrlichung im innen verwechselt werden. Wer im Sport kontinuierliche Spitzenleistungen erbringen möchte, der ist sogar dazu verpflichtet sich mit seinem Ego zu versöhnen und sich nicht davon in die Irre leiten zu lassen. „Be neither cocky with victory, nor broken by defeat“ hat schon der berühmte Jigoro Kano, der Begründer des Judo gesagt. Wer diesen Satz nicht versteht oder die dahinterliegenden Prinzipien nicht beherrscht, wird scheitern. Und die wenigsten würden dagegenstimmen, herausragende Leistungen unserer Menschheit entsprechend zu würdigen. Ganz im Gegenteil sehe ich, dass die Menschheit nach Vorbildern giert die Spitzenleistungen erbringen, um von ihnen zu lernen und ebenfalls annähernde Leistungen erbringen zu können. Wie lernen Kinder zu sprechen, zu gehen oder zu streiten? Sie lernen – zumindest den Großteil – durch uns Erwachsene als Vorbilder. Wir müssen und können entscheiden, wie gute oder schlechte Vorbilder wir sein möchten. Ich unterstelle hier in keinster Weise, dass Spitzensportler allesamt gute Vorbilder seien, oftmals sogar ganz im Gegenteil, aber es gibt eine Vielzahl an prächtigen Vorbildern, die genau aus dieser Branche stammen und ihre Biographien sind bestens dokumentiert. Menschen mit Integrität, Charakterstärke und unbeirrbaren Glauben an sich selbst und ihr Team, die unzähligen Male bewiesen haben, was mit einer hervorragenden Teamarbeit möglich ist. Spitzensport ist keine Einzelleistung – schon lange nicht mehr. Spitzensport ist Teamarbeit und so ist es im Business auch. Wer etwas anderes verkauft ist möglicherweise ein Scharlatan, aber definitiv keine gefundene Inspiration für Weiterentwicklung in der Führung.

Spitzensport ist kein goldener Käfig

Als jemand der die Erfahrung aus Spitzensport und Führung teilt, helfe ich Organisationen dabei Spitzenleistungen auch in ihrem Umfeld möglich zu machen. Dafür gibt es ganz klare Do’s und Dont’s, sowie Muster, die zuträglich bzw. hinderlich sind. Spitzensport ist ein reichhaltiger Quell an Inspiration dafür und der sollte unserem Wirtschaftssystem nicht vorenthalten werden. Spitzensport ist keine Elitegesellschaft im goldenen Käfig, sondern eine häufig sehr transparente Branche, die sich Kraft ihres Berufes dem Versuch verschrieben hat, Höchstleistungen zu erbringen.

Auch im Spitzensport steht man täglich auf, geht einer Aufgabe nach, versucht Be- und Entlastung bestmöglich in Einklang zu bringen und kassiert harsche (meist viel brutaler als anderswo) Kritik, wenn etwas in die Hose geht. Die Medien tragen selten Samthandschuhe. Umso beeindruckender ist es, wenn dort jemand über Jahre ein Team zusammen und erfolgreich hält.

Führung im Reinzustand

Es gibt im alltäglichen Vereins- und Geschäftsleben genauso tolle Führungskräfte, die sich ihrer Aufgabe mit voller Hingabe widmen. Und es stimmt, dass Führungskräfte auch von Kindergartenpädagogen, Lehrern oder Personen im Sozialbereich viel lernen können. Dass es da wie dort beeindruckende Beispiele für hervorragende Führung gibt, weiß ich nur allzu gut aus meiner Arbeit mit meinen Kunden. Wer täglich zwanzig verschiedene Bedürfnisse durch den Vormittag bringt, Streit schlichtet und Entwicklung ermöglicht, ohne alles selbst zu machen, leistet Führungsarbeit im Reinzustand – dem kann man nicht widersprechen.

Was uns der blinde Fleck kostet

Menschen unter permanenter Beobachtung über Jahre bei der Stange zu halten, ist eine erlernbare Fähigkeit, und der Spitzensport bringt sie systematisch hervor. Wenn ich mir die Gallup-Studien zum Mitarbeiterengagement ansehe und wie stark es mit der direkten Führungskraft zusammenhängt, sehe ich, was uns dieser blinde Fleck kostet.

Ich möchte diesen Artikel nicht missverstanden fühlen, denn ich begrüße Menschen, die sich wie ich für eine Verbesserung von Leadership in unserer Gesellschaft einsetzen. Ein Teil davon ist es echten Diskurs zuzulassen und damit zu ermöglichen, dass wir unser Denken weiterentwickeln.

Danke an dieser Stelle für ihre Gedanken Thomas Pisar. Sie haben mich dazu veranlasst diesen Post zu schreiben und dadurch auch meiner Position noch mehr Klarheit ermöglicht. Vielleicht ergibt sich ja mal die Gelegenheit für einen gemeinsamen Austausch.

Häufige Fragen

Was können Führungskräfte vom Spitzensport lernen?

Vor allem den systematischen Umgang mit Belastung und Erholung. Der Sport hat als einzige Domäne ausgearbeitet, wie ein Mensch über Jahre leistungsfähig bleibt. In der Wirtschaft fehlt dieses Wissen fast vollständig.

Was ist Belastungssteuerung und was hat sie mit Führung zu tun?

Belastungssteuerung heißt, Anspannung und Regeneration bewusst zu planen, statt beides dem Zufall zu überlassen. Führungskräfte tragen Dauerlast ohne Trainingsplan. Genau das kostet auf Dauer Leistung und Gesundheit.

Ist der Vergleich zwischen Führung und Sport überhaupt sinnvoll?

Nicht, wenn man Fußballweisheiten auf Meetings überträgt. Sinnvoll wird er, wenn man den Sport als Branche mit Trainern, Sportdirektoren und Präsidenten versteht, die unter maximaler Beobachtung führen.

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