Erlernte Hilflosigkeit: Der 50-Jahre-Irrtum der Psychologie

Erlernte Hilflosigkeit: Warum die Erfinder ihre eigene Theorie umgedreht haben

DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE

  • Erlernte Hilflosigkeit beschreibt, dass Menschen und Tiere nach längerer Erfahrung von Einflusslosigkeit passiv bleiben, auch wenn später wieder Einfluss möglich wäre.
  • 2016 haben die Begründer des Konzepts, Martin Seligman und Steven Maier, ihre eigene Erklärung umgedreht: Passivität unter Dauerbelastung wird nicht gelernt, sie ist die biologische Voreinstellung. Gelernt wird das Gegenteil, nämlich Kontrolle.
  • Entscheidend ist dabei nicht das Handeln selbst, sondern ob dein Gehirn registriert, dass dein Handeln das Ergebnis verändert hat. Wer jahrelang auf Automatik liefert, baut nichts auf.
  • Erholung läuft über eine andere Leitung im Gehirn als Kontrolle. Deshalb löst Urlaub das Problem nicht, so gut er auch tut.

 

Es gibt einen Moment, den kaum jemand datieren kann und der ist meist irgendwann in einer Besprechung. Dann, wenn du eine Idee gehabt und sie nicht gesagt hast. In dem Fall lag es allerdings nicht an Angst oder Trotz, sondern weil du dich erinnert hast, dass letzten vier Vorschläge halt auch nirgends gelandet sind und der fünfte dir den Aufwand ehrlich gesagt nicht mehr wert war. In dem Moment, war es unspektakulär für dich und daher, war er auch sofort wieder vergessen.

Zwei Jahre später fällt dir auf, dass du in Besprechungen fast nichts mehr sagst.

Gearbeitet hast du die ganze Zeit tadellos weiter, das ist ja das Verwirrende daran. Verschwunden ist etwas anderes: dein freiwilliger Anteil. Der Teil, den keiner von dir verlangt hat und der trotzdem der beste war.

Wenn du für diesen Zustand ein Wort suchst, landest du früher oder später bei „erlernter Hilflosigkeit“. Der Begriff gehört zu den bekanntesten Konzepten der Psychologie, er scheint deine Lage genau zu treffen, und er wird in Seminaren, LinkedIn-Beiträgen und Führungstrainings bis heute in einer Fassung erzählt, die seit 2016 überholt ist.

Widersprochen hat dieser Fassung kein Kritiker von außen. Widersprochen haben ihr die beiden Männer, die den Begriff erfunden haben.

Ich hab mir ihre Originalarbeit geholt und gelesen, bevor ich hier irgendetwas darauf baue. Sie liegt frei zugänglich auf dem Server von Seligmans eigenem Institut, du kannst also jederzeit selbst nachschauen. Bei einem Thema, dessen ganzer Reiz darin besteht, dass kaum jemand in die Quelle schaut, wäre alles andere ein schlechter Witz.

Was erlernte Hilflosigkeit ist und was 1967 wirklich passiert ist

Anfang der Sechzigerjahre wollten Forscher an der University of Pennsylvania eigentlich etwas ganz anderes untersuchen. Für ihren Versuchsaufbau bekamen Hunde eine Serie leichter Stromstöße, angekündigt durch einen Ton. Am nächsten Tag sollten die Tiere in einer zweigeteilten Box lernen, dem Schock durch einen Sprung über eine niedrige Barriere zu entkommen.

Dieses Experiment ist nie zustande gekommen. Die Hunde sprangen nicht. Sie legten sich hin und warteten den Schock ab.

Martin Seligman und Steven Maier, damals beide im ersten Studienjahr, hielten genau dieses Nicht-Springen für das eigentlich Interessante. Sie bauten den heute berühmten Versuchsaufbau mit drei Gruppen: eine, die den Schock durch eigenes Verhalten beenden konnte. Eine zweite, die exakt dieselben Schocks in derselben Länge und Stärke bekam, aber ohne jede Einflussmöglichkeit. Und eine dritte ganz ohne Belastung.

Das Ergebnis ließ sich sauber wiederholen: Zwei Drittel der Tiere aus der Gruppe ohne Einfluss lernten am nächsten Tag nicht mehr, dem Schock auszuweichen. Neunzig Prozent der beiden anderen Gruppen lernten es mühelos.

Zwei Dinge gehören an dieser Stelle dazu.

Erstens wären diese Versuche heute weder genehmigungsfähig noch vertretbar. Seligman und Maier schreiben in ihrer Rückschau selbst, dass ihnen die Arbeit mit Hunden zugesetzt hat, weil beide Hundemenschen sind, und dass sie so früh wie möglich zu anderen Versuchsformen gewechselt sind.

Zweitens ist das Phänomen selbst echt. Es wurde hundertfach repliziert, beim Menschen übrigens auch ganz ohne Schocks, mit unlösbaren Denkaufgaben. Was in den folgenden fünfzig Jahren durch die Ratgeberwelt gewandert ist, war also nicht das Phänomen, sondern seine Deutung.

Und die Deutung lautete: Die Tiere haben gelernt, dass ihr Verhalten nichts bewirkt, und dieses gelernte Wissen hat sie daran gehindert, es überhaupt noch zu versuchen. Deshalb heißt das Konzept „erlernte“ Hilflosigkeit. Es war eine gewagte Behauptung in einer Zeit, in der Denken bei Tieren als unwissenschaftliche Idee galt. Als die beiden ihre Theorie erstmals vor den großen Lerntheoretikern vorstellten, hielt ihnen Richard Herrnstein aus Harvard entgegen, Tiere würden Reaktionen lernen, aber niemals lernen, dass etwas so oder so ist.

Rückblickend hatte der Mann in einem Punkt recht, den damals niemand ahnen konnte. Nur eben anders, als er dachte.

2016: Die Erfinder drehen ihre eigene Theorie um

Maier ist nach den frühen Jahren aus der Psychologie praktisch ausgestiegen, hat sich zum Neurowissenschaftler umschulen lassen und ist erst Jahre später zum Thema zurückgekehrt, diesmal mit Werkzeugen, die es 1967 schlicht nicht gab. Was danach folgte, waren rund zwei Jahrzehnte Schaltkreisforschung.

2016 haben die beiden das Ergebnis gemeinsam veröffentlicht, in Psychological Review, unter dem Titel „Learned Helplessness at Fifty“. Die zentrale Aussage steht schon in der Zusammenfassung, und sie ist so unverblümt, wie man das in einer Fachzeitschrift selten liest: Die ursprüngliche Theorie hatte es verkehrt herum.

 

Fassung 1967 Fassung 2016
Passivität wird gelernt ist die angeborene Voreinstellung
Gelernt wird dass nichts hilft dass Einfluss möglich ist
Der Weg raus eine Fehlleistung abtrainieren eine Erfahrung aufbauen

 

Im Einzelnen heißt das:

Passivität unter anhaltender Belastung wird nicht gelernt. Sie ist die Voreinstellung. Zuständig dafür ist ein kleiner Kern im Hirnstamm, der Nucleus raphe dorsalis, der bei anhaltender Belastung Botenstoffe in jene Regionen schickt, die aktives Verhalten hemmen und Angst verstärken. Dieser Mechanismus ist stammesgeschichtlich uralt und kein Defekt, sondern eine Sparschaltung: Wenn eine Bedrohung lange anhält und die Gegenwehr nichts ändert, ist es für den Organismus billiger, die Gegenwehr einzustellen.

Gelernt wird das Gegenteil. Wenn ein Lebewesen erfährt, dass sein eigenes Handeln den Verlauf verändert, erkennt das ein Bereich im vorderen Stirnhirn, der ventromediale präfrontale Cortex. Und der schaltet daraufhin die Voreinstellung ab, von oben nach unten, über eine direkte Verbindung in den Hirnstamm.

Im Gehirn gibt es nichts, das durch fehlende Kontrolle eingeschaltet wird. Es gibt nur etwas, das durch vorhandene Kontrolle abgeschaltet wird.

Das ist der Satz, an dem die ganze Umkehr hängt. Belastung erregt den Hirnstammkern nämlich so oder so, ob du Einfluss hast oder nicht. Beide Versuchsgruppen bekommen dieselbe Erregung, und der einzige Unterschied liegt darin, ob von oben etwas kommt, das wieder abschaltet.

Diesem Schaltkreis haben die beiden am Ende ihrer Arbeit einen Namen gegeben, der aus einem nüchternen Fachaufsatz heraussticht wie ein Farbtupfer. Sie nennen ihn den Hoffnungs-Schaltkreis.

Fünfzig Jahre lang wurde die falsche Gruppe erforscht

Warum hat diese Korrektur ein halbes Jahrhundert gebraucht? Die Antwort steht offen im Paper, und sie ist beinah banal.

Die Gruppe mit Einflussmöglichkeit war nie das Forschungsobjekt. Sie war die Kontrollgruppe. In vielen späteren Studien wurde sie einfach weggelassen, weil sie als uninteressant galt. Interessant waren die Tiere, die aufgegeben haben. Für die, die nicht aufgegeben haben, hat sich schlicht niemand interessiert, dort ist ja nichts Auffälliges passiert.

Die Antwort saß also fünfzig Jahre lang in der Gruppe, die keiner angeschaut hat.

Das ist mehr als eine Anekdote aus der Wissenschaftsgeschichte. Es ist ziemlich genau das Muster, das ich aus meinen über 10 Jahren in der Konzernwelt kenne. Man analysiert dort, wo das Problem sichtbar wird, und übersieht die Bedingung, unter der es gar nicht erst entsteht.

Jahrelang haben wir beispielsweise im Konzern daran gearbeitet, das optimale Verhältnis zwischen Pricing und Qualität zu finden. Experimente, Zick-Zack-Kurs, Ho-Ruck-Aktionen und Preisdumping, aber diejenigen die uns weitergeholfen hätten, hat man nie gefragt – die Kunden selbst.

Kein Vorwurf mehr, aber eine Aufgabe

Warum diese Umkehr keine akademische Wortklauberei ist, siehst du am schnellsten an zwei Sätzen über dieselbe Lage.

Die alte Fassung sagt: Du hast gelernt, hilflos zu sein.

Die neue Fassung sagt: Passivität ist die Voreinstellung unter anhaltender Belastung, und dir hat über Jahre niemand die Erfahrung verschafft, dass du Einfluss hast.

Der erste Satz ist ein Vorwurf mit wissenschaftlichem Anstrich. Er unterstellt dir eine Fehlleistung, die du dir gefälligst wieder abtrainieren sollst. Genau in dieser Form wird der Begriff in der Arbeitswelt bis heute verwendet, meistens übrigens über andere, etwa über Mitarbeiter, die sich angeblich in erlernte Hilflosigkeit geflüchtet hätten. Der zweite Satz nimmt dir die Schuld und lässt dir die Aufgabe. An dir ist nichts kaputt, es hat nur etwas nicht stattgefunden.

„Es gibt eine ganze Industrie, die davon lebt, dass du dich besser anschieben lernst. Logisch, an einem, der wieder gezogen wird, verdient sie nichts mehr.“
Wilhelm Tupy

Und das ist keine freundliche Umdeutung von mir, sondern die Folge aus der Schaltung. Wenn im Gehirn gar kein Mechanismus existiert, der bei fehlender Kontrolle anspringt, dann gibt es auch keine Hilflosigkeit, die du abbauen könntest. Es gibt also nichts abzubauen, sondern nur etwas aufzubauen.

Tun allein schützt nicht: der Befund, den fast niemand zitiert

Jetzt kommen wir zu der Stelle, an der es für Leistungsträger unangenehm genau wird. Sie steht im selben Paper und fehlt in praktisch jeder populären Zusammenfassung, die ich gefunden habe.

Die Forschungsgruppe um Maier hat in einem Versuch gezielt jenen Schaltkreis stillgelegt, der erkennt, dass Handlung und Ergebnis zusammenhängen. Wohlgemerkt nur die Erkennung. Die Fähigkeit zu handeln blieb vollständig erhalten. Das Ergebnis: Die Tiere lernten den rettenden Griff trotzdem. Sie führten ihn perfekt aus. Sie beendeten jeden einzelnen Schock, jedes Mal, absolut zuverlässig.

Und es hat sie überhaupt nicht geschützt. Beim späteren Test waren sie genauso passiv wie die Gruppe, die nie eine Einflussmöglichkeit hatte.

Der Grund liegt darin, dass das Gehirn zwei getrennte Systeme für Handlung besitzt. Das Gewohnheitssystem koppelt Situation und Reaktion, es arbeitet schnell und automatisch, und es fragt nie nach, ob das Ergebnis eigentlich noch von der Handlung abhängt. Das Handlung-Ergebnis-System dagegen vergleicht laufend, was passiert, wenn ich etwas tue, mit dem, was passiert, wenn ich es lasse.

Nur das zweite System baut den Hoffnungs-Schaltkreis auf. Das erste erledigt die Arbeit und hinterlässt nichts.

Denk einmal daran, wie eine normale Arbeitswoche bei dir ausschaut. Der Monatsreport war pünktlich, das Meeting vorbereitet, das Projekt abgegeben, sechzig Mails beantwortet, die Kennzahl erreicht. Alles erledigt. Und jetzt die Frage, die das zweite System stellen würde: Was davon wäre ohne dich anders ausgegangen?

Wenn dir darauf nicht sofort etwas einfällt, hast du gerade etwas Wichtiges über deine Woche erfahren, und zwar nichts Schlechtes über dich.

Im Berufsleben hat dieser Wechsel vom einen System ins andere sogar einen Namen, wir benennen ihn nur nie so. Es ist der Übergang vom Gestalten ins Verwalten. Er passiert schleichend, die Leistung bleibt dabei konstant, und genau deshalb merkt ihn keiner. Von außen sieht Verwalten exakt gleich aus wie Gestalten, nur läuft es innen über die andere Leitung, über die, die nichts aufbaut.

Es sind ja nicht die Erfolglosen, bei denen der Antrieb wegbricht, sondern die Verlässlichen, bei denen alles läuft. Der Erfolg versteckt das Problem, weil von außen niemand einen Grund zur Sorge sieht, du selbst am allerwenigsten.

Ich hab das in einem früheren Video einmal so gesagt: Erfolg beruhigt nicht dich, Erfolg beruhigt die anderen. Das war damals eine Beobachtung aus zwölf Jahren Konzern. Jetzt weiß ich, wo im Kopf sie herkommt. Genau darum trifft das Wort „Funktionieren“ die Sache so gut. Funktionieren ist präzise das, was das Gewohnheitssystem macht: liefern, ohne dass etwas ankommt.

Warum Urlaub den Schaltkreis nicht baut

Ein zweiter Befund aus derselben Forschungslinie räumt mit der häufigsten Selbstbehandlung auf.

Es gibt noch einen zweiten Weg, wie Belastung abgepuffert wird, und zwar über Sicherheitssignale. Das ist alles, was verlässlich ankündigt, dass jetzt eine Weile Ruhe ist. Das Wochenende. Der Urlaub. Die stille Phase nach dem Projektabschluss. Sicherheitssignale wirken, tatsächlich und messbar.

Nur laufen sie über eine komplett andere Leitung. Als die Forscher den vorderen Stirnhirnbereich ausschalteten, verschwand die Schutzwirkung von Kontrolle vollständig, während die Wirkung der Sicherheitssignale unberührt blieb. Beim Ausschalten der anderen Region war es genau umgekehrt: zwei getrennte Systeme mit zwei getrennten Wirkungen.

Das erklärt eine Erfahrung, die fast jeder kennt und irrtümlich für einen persönlichen Mangel hält: Der Urlaub tut gut, und zehn Tage nach der Rückkehr ist er weg. Das ist kein Zeichen, dass du nicht abschalten kannst. Erholung senkt den Pegel, aber sie baut nichts auf, das den Pegel beim nächsten Mal von selbst senkt.

Urlaub lädt den Akku auf, aber er beantwortet nicht die Frage, wer am Steuer sitzt.

Wenn dir also seit ein paar Jahren auffällt, dass Urlaube immer schneller verfliegen, dann fehlt dir nicht mehr Urlaub.

Warum der Zustand bei Menschen Jahre halten kann

An dieser Stelle gehört eine Zahl auf den Tisch, die in kaum einem Beitrag zu diesem Thema vorkommt. Im Tierversuch hält die Passivität nur einige Tage. Sie folgt ziemlich genau der Erholungszeit bestimmter Rezeptoren und ist danach von selbst wieder weg.

Wie passt das zu jemandem, der über neun Berufsjahre immer stiller wird?

Die ehrlichste Antwort darauf hat Seligmans eigene Arbeitsgruppe schon 1978 geliefert, lange vor aller Hirnforschung. Beim Menschen kommt eine Ebene dazu, die es im Tierversuch nicht gibt: die Erklärung. Ob eine Erfahrung von Einflusslosigkeit nach Tagen verblasst oder sich festsetzt, hängt wesentlich davon ab, wie du sie dir erklärst. Wer sich sagt, das war dieses eine Projekt unter diesem einen Chef, ist bald wieder im Spiel. Wer daraus einen allgemeinen Satz über sich oder über die Welt macht, verlängert den Zustand weit über die ursprüngliche Situation hinaus.

Und dieser allgemeine Satz hat bei uns eine sehr vertraute Kurzform: Bringt eh nix.

Drei Wörter, die erstaunlich viel leisten. Das „eh“ macht die Sache dauerhaft, so als hätte es nie anders sein können und würde es nie anders sein. Und weil das „bei diesem Projekt“ fehlt, wird aus einer einzelnen Erfahrung eine Eigenschaft der Welt. Genau diese beiden Bewegungen, dauerhaft und allgemein, sind nach der Forschung von 1978 das, was aus einer Episode einen Dauerzustand macht.

Der Satz fühlt sich übrigens nie wie eine Entscheidung an, sondern wie eine nüchterne Feststellung, fast wie Berufserfahrung. Das ist das Heimtückische daran.

Kontrolle lernt sich nur unter Last

Noch ein Detail aus der Arbeit, das eine beliebte Abkürzung versperrt.

Die Forscher haben versucht, den Aufbau des Schutz-Schaltkreises abzukürzen. Sie haben die entscheidende Bahn direkt aktiviert, ganz ohne Belastung. Das Ergebnis war ernüchternd: keine dauerhafte Veränderung und kein Schutz für später. Erst als dieselbe Bahn während einer echten Belastung aktiv war, entstand der bleibende Umbau. Nervenzellen verdrahten sich, wenn sie gemeinsam feuern, und ohne Last feuert eben nur die halbe Schaltung.

Ich hab das fünfzehn Jahre lang auf der Matte trainiert, bevor ich wusste, dass es dafür einen Schaltkreis gibt. Das Erste, was du im Judo lernst, ist nicht das Werfen, sondern das Fallen, Ukemi. Und Fallen ist dort keine Niederlage, die du erduldest, sondern eine Technik, die du ausführst: Du schlägst im Fallen mit dem Arm auf die Matte, und genau dieser Schlag macht aus einem Sturz eine Landung.

Was dabei über die Jahre hängen bleibt, ist gar nicht die Technik. Es ist ein Satz, den du irgendwann nicht mehr denken musst: Das passiert mir, und ich steh danach wieder auf. Diesen Satz kann dir kein Vortrag beibringen und kein Buch. Du lernst ihn nur, indem du wirklich fällst.

Es muss nicht der Job sein

Jetzt die Nachricht aus dieser Forschung, die praktisch am meisten hergibt.

Der Schutz, den erlebte Kontrolle aufbaut, bleibt nicht in dem Bereich, in dem er entstanden ist. In einem der Versuche hatten Tiere Einfluss über eine Belastung erfahren. Eine Woche später kamen sie in eine völlig andere Lage, anderer Raum, andere Versuchsleiter, eine Belastung ganz anderer Art. Der Schutz wirkte trotzdem, in voller Stärke.

Für dich heißt das etwas sehr Konkretes. Der Bereich, in dem du wieder erlebst, dass dein Handeln einen Unterschied macht, muss nicht der Bereich sein, der dich gerade aufreibt. Wenn deine Position im Unternehmen im Moment ehrlich betrachtet wenig Spielraum lässt, ist das keine Sackgasse. Du kannst den Schaltkreis woanders bauen, und er trägt trotzdem hinein.

Zwei Bedingungen hat die Sache allerdings, und um die kommst du nicht herum.

Es muss echt sein, also etwas, bei dem ein Ergebnis auf dem Spiel steht und das auch danebengehen kann. Ein Zeitvertreib, der dir einfach Freude macht, ist wunderbar fürs Leben, aber er baut den Schaltkreis nicht, weil dort keine Last liegt.

Und du musst das Ergebnis mitbekommen. Ein Beitrag, dessen Wirkung du nie siehst, ist für den Schaltkreis dasselbe wie kein Beitrag.

Wohin statt Warum: wo die Hirnforschung bei Frankl landet

Am Ende ihrer Arbeit machen Maier und Seligman selbst noch einen Schritt über die Biologie hinaus, und sie kennzeichnen ihn sauber als Spekulation.

Ihr Gedanke geht so: Wenn Passivität die Voreinstellung ist, dann lässt sie sich nicht wegverstehen, egal wie gründlich du die Vergangenheit aufarbeitest. Sie lässt sich nur hemmen, und zwar von vorne, durch die Erwartung, dass das Nächste beeinflussbar sein wird. Die beiden schlagen deshalb vor, weniger Zeit auf die Frage nach dem Warum zu verwenden und mehr auf die Frage nach dem Wohin. Passenderweise ist derselbe Stirnhirnbereich, der Kontrolle erkennt, auch daran beteiligt, sich mögliche Zukünfte vorzustellen.

An dieser Stelle treffen einander zwei Denkrichtungen, die einander nie zitiert haben. Viktor Frankl hat sein Lebenswerk auf die Aufgabe gebaut, die vor einem Menschen liegt, nicht auf die Rekonstruktion dessen, was hinter ihm liegt. Er hat Menschen nicht ihr Gewordensein erklärt, sondern gefragt, wofür sie noch gebraucht werden.

Sechzig Jahre später kommt die Schaltkreisforschung von einer völlig anderen Seite und landet an derselben Stelle: Die Zukunft ist der Hebel, nicht die Vergangenheit. Wenn zwei Wege, die einander nicht kennen, am selben Punkt ankommen, ist das kein Beweis. Aber es ist ein ausgesprochen gutes Zeichen.

„Es sind nicht wir, die das Leben fragen, sondern es ist das Leben, das uns fragt.“
Viktor Frankl

Was das Paper nicht hergibt

Und jetzt der Teil, den du in den meisten Beiträgen zu diesem Thema vergeblich suchst, weil er den schönen Bogen stört. Ich halte ihn für den wichtigsten.

Das Tiermodell erklärt keine neun Berufsjahre. Die Brücke aus dem Labor in eine lange Berufsphase läuft über die Erklärungsmuster von 1978 und über Interpretation, nicht über direkten Beweis. Wer dir erzählt, die Wissenschaft hätte bewiesen, dass dein Job dich hilflos gemacht hat, geht deutlich weiter als seine Quelle.

Die menschliche Datenlage zur Schaltung ist dünn. Maier und Seligman schreiben selbst, dass Studien, die beim Menschen direkt die Hirnaktivität messen, jung und wenige sind. Die verhaltensbezogenen Befunde sind beim Menschen gut repliziert, die Schaltkreisebene stammt überwiegend aus Nagetierversuchen.

Fast die gesamte Schaltkreisforschung wurde an männlichen Tieren gemacht. Wo man in den Jahren nach 2016 weibliche untersucht hat, sah die Verschaltung anders aus, und die Schutzwirkung von Kontrolle zeigte sich dort nicht in derselben Form. Was das für Menschen bedeutet, weiß derzeit niemand. Es ist offen, und es gehört dazugesagt.

Die Autoren nennen ihre eigene Beweislage stark, aber nicht abgeschlossen. Sie halten außerdem ausdrücklich fest, dass ihr Befund für stark belastende Situationen gilt. Dass das Gehirn fehlende Kontrolle unter milderen Bedingungen sehr wohl erkennen kann, schließen sie nicht aus.

Dazu kommt eine Grenze, die nicht aus dem Paper stammt, sondern aus meiner Rolle. Erlernte Hilflosigkeit ist ein Konzept aus der Depressionsforschung. Es ist keine Diagnose, es steht in keinem Diagnosekatalog, und ich bin kein Arzt. Wenn du dich in diesem Text nicht mit einem stillen Nicken wiedererkennst, sondern mit einem Schrecken, und wenn dieser Zustand dein Schlafen, dein Essen oder deine Beziehungen erfasst hat, dann gehört das in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Das ist keine Absicherungsfloskel, sondern die Grenze, an der meine Arbeit aufhört und eine andere anfängt.

Die Ohne-mich-Frage: so erhebst du den Befund bei dir selbst

Der Kernbefund lautet ja: Nicht das Tun schützt, sondern das Registrieren. Also brauchst du kein neues Vorhaben und keine Optimierungsrunde, sondern zuerst nur eine andere Art hinzuschauen.

Die Forscher definieren Kontrolle als Vergleich zweier Wahrscheinlichkeiten: was passiert, wenn ich handle, gegen das, was passiert, wenn ich nicht handle. Diesen Vergleich kannst du dir in den Alltag holen, mit einer einzigen Frage.

Nimm die letzte Sache, die du diese Woche fertig gemacht hast. Irgendetwas Berufliches, ruhig etwas Kleines. Und dann frag dich: Was wäre konkret anders ausgegangen, wenn ich es nicht gemacht hätte?

Bei der Antwort gibt es drei Möglichkeiten, und jede sagt dir etwas anderes.

Kommt die Antwort sofort und konkret, hat dein System den Zusammenhang registriert. Dann ist an dieser Stelle alles in Ordnung, und du weißt jetzt auch, warum sich ausgerechnet diese eine Aufgabe anders anfühlt als der Rest.

Musst du eine Weile nachdenken, dann erledigst du vermutlich mehr, als du an Wirkung wahrnimmst. Das ist der Automatikmodus. Er ist nicht verwerflich und sogar effizient, aber du weißt jetzt, warum sich die produktivsten Wochen manchmal am wenigsten nach etwas anfühlen.

Und lautet die ehrliche Antwort „eigentlich nichts“, dann hast du keinen Befund über dich erhoben, sondern einen über deinen Standort. Du stehst gerade dort, wo dein Einfluss nicht sichtbar wird. Das ist eine Information über die Position und nicht über die Person, und mit ihr lässt sich arbeiten.

Der zweite Teil schaut nach vorn. Such dir für die nächsten zwei Wochen genau eine Sache, bei der drei Dinge zusammenkommen: Das Ergebnis hängt sichtbar an dir, es kann danebengehen, und du erfährst, wie es ausgeht. Nicht fünf Dinge, eine reicht völlig. Und wenn du das Ergebnis dann siehst, halt kurz inne und sprich den Zusammenhang innerlich aus: Das ist anders ausgegangen, weil ich es gemacht hab.

Das klingt beinahe lächerlich einfach. Es ist aber exakt der Schritt, den die Tiere im entscheidenden Versuch nicht machen konnten, und exakt der Schritt, an dem alles hängt.

Fazit: Es gibt nichts abzubauen

Erlernte Hilflosigkeit heißt seit fünfzig Jahren so, und der Name ist das Missverständnis. Passivität unter Dauerbelastung ist keine Fehlleistung, die du dir eingehandelt hast, sondern die Grundeinstellung, mit der jedes Säugetier auf die Welt kommt. Was gelernt wird und was du lernen kannst, ist das Gegenteil: dass dein Handeln einen Unterschied macht.

Drei Sätze nehme ich aus dieser Arbeit mit.

Du musst nichts abbauen, du darfst etwas aufbauen. Es reicht nicht, dass du lieferst, du musst wieder mitbekommen, dass du es warst. Und das geht nicht in der Theorie, sondern nur unter echter Last.

Vielleicht beginnt das Gegenteil vom bloßen Funktionieren genau dort, wo du wieder merkst, dass es einen Unterschied macht, dass du da bist.

Häufige Fragen zur erlernten Hilflosigkeit

Was bedeutet erlernte Hilflosigkeit einfach erklärt?

Der Begriff beschreibt, dass Menschen und Tiere nach längerer Erfahrung von Einflusslosigkeit passiv bleiben, auch wenn sich die Lage längst geändert hat und Einfluss wieder möglich wäre. Geprägt wurde er 1967 von Martin Seligman und Steven Maier. Seit deren eigener Korrektur von 2016 weiß man allerdings, dass der Name in die Irre führt, weil nicht die Hilflosigkeit gelernt wird, sondern die Kontrolle.

Ist erlernte Hilflosigkeit widerlegt?

Nein, und dieser Unterschied ist wichtig. Das Phänomen ist gut belegt und vielfach repliziert. Umgedreht wurde die Erklärung dafür: Passivität ist die unerlernte Voreinstellung unter anhaltender Belastung, gelernt wird die Erfahrung von Kontrolle. Der Name des Konzepts beschreibt damit das Gegenteil dessen, was tatsächlich gelernt wird.

Wie kann man erlernte Hilflosigkeit überwinden?

Die Forschung legt eine Umkehr der üblichen Frage nahe. Es gibt nichts abzubauen, weil im Gehirn kein eigener Hilflosigkeits-Mechanismus existiert. Aufgebaut wird die Erfahrung von Kontrolle, und zwar unter drei Bedingungen: in einer echten Situation mit etwas auf dem Spiel, mit sichtbarem Ergebnis, und mit dem bewussten Registrieren, dass das Ergebnis am eigenen Handeln hing. Der Lebensbereich ist dabei zweitrangig, weil sich der Schutz auf andere Bereiche überträgt.

Was ist der Unterschied zwischen erlernter Hilflosigkeit und Selbstwirksamkeit?

Selbstwirksamkeit nach Albert Bandura bezeichnet die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe bewältigen zu können. Der 2016 beschriebene Kontroll-Schaltkreis liegt eine Ebene tiefer, denn er ist keine Überzeugung, sondern eine Verschaltung, die sich nur durch tatsächlich erlebten Einfluss verändert. Praktisch heißt das, Selbstwirksamkeit lässt sich nicht herbeireden, sie folgt der Erfahrung.

Ist erlernte Hilflosigkeit dasselbe wie Burnout oder Depression?

Nein. Erlernte Hilflosigkeit ist ein Erklärungsmodell aus der Forschung und keine Diagnose, sie steht weder im ICD-10 noch im ICD-11. Burnout und Depression sind klinische Themen und gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Begleitung. Wenn du länger anhaltende Beschwerden bei dir bemerkst, ist der erste richtige Ansprechpartner ein Arzt und kein Coach.

Muss ich den Job wechseln, wenn ich mich hier wiedererkenne?

Nicht zwingend. Der Schutz, den erlebte Kontrolle aufbaut, überträgt sich nachweislich über Bereichsgrenzen hinweg. Wenn deine aktuelle Position wenig Spielraum lässt, kannst du die Erfahrung von Einfluss auch anderswo aufbauen, solange dort wirklich etwas auf dem Spiel steht. Umgekehrt gilt aber auch, dass ein neuer Job allein nichts aufbaut, wenn du dort wieder in den Automatikmodus wechselst.

 

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Quellen

Maier, S. F. & Seligman, M. E. P. (2016). Learned Helplessness at Fifty: Insights From Neuroscience. Psychological Review, 123(4), 349–367. Volltext (PDF) · PubMed

Seligman, M. E. P. & Maier, S. F. (1967). Failure to escape traumatic shock. Journal of Experimental Psychology, 74(1), 1–9. PubMed

Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P. & Teasdale, J. D. (1978). Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology, 87(1), 49–74. Volltext (PDF) · PubMed

Amat, J. et al. (2005). Medial prefrontal cortex determines how stressor controllability affects behavior and dorsal raphe nucleus. Nature Neuroscience, 8, 365–371. PubMed

Amat, J. et al. (2006). Previous experience with behavioral control over stress blocks the behavioral and dorsal raphe nucleus activating effects of later uncontrollable stress. The Journal of Neuroscience, 26(51), 13264–13272. PubMed

Christianson, J. P. et al. (2008). The sensory insular cortex mediates the stress-buffering effects of safety signals but not behavioral control. The Journal of Neuroscience, 28(50), 13703–13711. Volltext

Amat, J. et al. (2010). Behavioral control over shock blocks behavioral and neurochemical effects of later social defeat. Neuroscience, 165(4), 1031–1038. PubMed

Amat, J. et al. (2014). Control over a stressor involves the posterior dorsal striatum and the act/outcome circuit. European Journal of Neuroscience, 40, 2352–2358. PubMed

Seligman, M. E. P. (2018). The Hope Circuit: A Psychologist’s Journey from Helplessness to Optimism. Seligmans eigene Rückschau auf fünfzig Jahre Forschung, inklusive der Stelle, an der er seinen berühmtesten Befund korrigiert.

 

Wilhelm Tupy war Wettkampfjudoka und danach über 10 Jahre Manager in der Konzernwelt, mit Verantwortung für bis zu 350 Menschen. Heute hilft er Leistungsträgern, ihr Wofür zu finden und ihr Leben darum herum zu bauen.

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