An der Spitze der Bedürfnispyramide steht bei Maslow eine Aufgabe

Bedürfnispyramide mit Maslows Zahlen von 1943, körperliche Bedürfnisse zu 85 Prozent gestillt, Sicherheit zu 70, Liebe und Zugehörigkeit zu 50, Anerkennung zu 40, Selbstverwirklichung zu 10 Prozent.
Maslows Beispielzahlen von 1943, eingezeichnet in die bekannte Pyramidenform. Maslow nennt sie selbst willkürlich.

Die Kurzfassung

  • Die Bedürfnispyramide ordnet fünf Grundbedürfnisse übereinander, vom Körper über Sicherheit, Zugehörigkeit und Anerkennung bis zur Selbstverwirklichung. Die Stufen stammen aus Abraham Maslows Aufsatz von 1943. Die vermutlich erste veröffentlichte Pyramide stammt vom beratenden Psychologen Charles McDermid aus dem Jahr 1960.
  • Maslow hat seine Rangordnung als „längst nicht so starr“ beschrieben. Die meisten normalen Menschen seien in allen Bedürfnissen gleichzeitig teilweise gestillt.
  • An der Spitze beschreibt Maslow Menschen, die „problemzentriert statt ichzentriert“ sind und in der Regel eine Aufgabe haben, die sie erfüllen müssen und sich nicht unbedingt ausgesucht hätten. Viktor Frankl hielt Selbstverwirklichung nur als Nebenwirkung für möglich.
  • Wenn dir deine Arbeit trotz allem, was du erreicht hast, nichts mehr gibt, hast du nichts falsch gemacht, denn was gestillt ist, motiviert laut Maslow kaum noch. Dann kann dir ein Gespräch mit einem Menschen weiterhelfen, bei dem deine Arbeit ankommt.

Ein Mann gibt seinen Job auf, statt seine Selbstachtung zu verlieren. Danach hungert er ein halbes Jahr oder so. Jetzt wäre er womöglich bereit, die Stelle zurückzunehmen, auch wenn er dafür seine Selbstachtung hergeben müsste.

Diese Szene hat Abraham Maslow 1943 als Beispiel in den Aufsatz geschrieben, aus dem später die Bedürfnispyramide geworden ist. Sie steht dort in einer Liste von Ausnahmen, mit denen er seine Rangordnung einschränkt. In den gängigen Erklärungen der Pyramide, auch auf der deutschsprachigen Wikipedia, findest du sie nicht.

Die Pyramide kennst du eh. Unten stehen Essen und Schlaf, darüber Sicherheit, dann Zugehörigkeit und Anerkennung, ganz oben die Selbstverwirklichung. Managementforscher nennen sie das berühmteste Symbol ihres Fachs.

Wenn du Gehalt, Sicherheit, Familie und Anerkennung beisammen hast und dir trotzdem manchmal denkst, dass eh alles läuft, es dir aber nix mehr taugt, dann stehst du laut der Pyramide kurz vor der Spitze. Wenn es sich dort nicht gut anfühlt, musst du nach dieser Logik halt noch mehr an dir selbst arbeiten. Nur hat Maslow die Pyramide nie gezeichnet. Ganz oben stehen bei ihm Menschen, die eine Aufgabe haben.

Was Maslow 1943 und 1950 geschrieben hat

Maslows Aufsatz „A Theory of Human Motivation“ ist 1943 in der Psychological Review erschienen. Er ordnet darin fünf Gruppen von Grundbedürfnissen nach ihrer Dringlichkeit. Die oberste Gruppe fasst er in den Satz „Was ein Mensch sein kann, das muss er sein.“

Die Rangordnung sei allerdings „längst nicht so starr“, wie er sie bis dahin dargestellt habe, schreibt er im selben Aufsatz. Die meisten normalen Menschen in seiner Gesellschaft seien in allen Grundbedürfnissen gleichzeitig teilweise gestillt und teilweise nicht.

Maslow nennt seine Theorie ein Programm für künftige Forschung, das er vor allem aus seiner Arbeit mit Patienten abgeleitet hat. Über die Selbstverwirklichung wisse man wenig, weil bei kaum jemandem alle Grundbedürfnisse gestillt seien.

Seine Studie über Selbstverwirklicher von 1950 war nach seinen eigenen Worten nie als richtige Forschung geplant. Er hat die Fälle unter Bekannten und Freunden ausgewählt, dazu unter öffentlichen und historischen Figuren wie Lincoln in seinen letzten Jahren und Thomas Jefferson. Er war sich nie ganz sicher, was dabei Beschreibung war und was Projektion. Von 3.000 Studierenden, die er sich angeschaut hat, war ein einziger sofort brauchbar.

Wer die Bedürfnispyramide gezeichnet hat

Die Managementforscher Todd Bridgman, Stephen Cummings und John Ballard haben 2019 rekonstruiert, woher die Pyramide stammt. Sie haben unter anderem Maslows Archiv in Akron durchsucht und dort keine Spur einer Pyramide entdeckt. Das früheste veröffentlichte Dreieck mit Stufen, das sie gefunden haben, steht 1957 in einem Lehrbuch von Keith Davis. Der beratende Psychologe Charles McDermid hat 1960 die vermutlich erste Pyramide veröffentlicht, in einem Artikel mit dem Titel „How Money Motivates Men“. Maslow hat seine Hierarchie nie als Diagramm dargestellt.

Die Menschen seiner Studie von 1950 waren „im Allgemeinen stark auf Probleme außerhalb ihrer selbst ausgerichtet“, „problemzentriert statt ichzentriert“, wie man es damals nannte. In der Regel hatten sie eine Mission im Leben, eine Aufgabe, die einen großen Teil ihrer Kraft in Anspruch nahm. Diese Aufgabe konnte auch eine Verantwortung oder Pflicht sein, die sie sich nicht unbedingt ausgesucht hätten. Maslow schreibt deshalb mit Absicht von einer Aufgabe, die sie tun müssen, statt von einer, die sie tun wollen.

1969 hat Maslow laut dem Psychologen Mark Koltko-Rivera die Selbsttranszendenz als eigene Stufe über die Selbstverwirklichung gesetzt. Pyramiden mit sechs oder acht Stufen, wie sie heute im Netz kursieren, sind laut dem US-Weiterbildungsverband ATD Interpretationen anderer.

Die Pyramide, wie man sie kennt Was die Quellen zeigen
Gezeichnet von Maslow Keith Davis 1957 das früheste gefundene Stufendreieck, Charles McDermid 1960 die vermutlich erste Pyramide
Zweck Motivation erklären bei McDermid „maximale Motivation zu den geringsten Kosten“
Reihenfolge Stufe für Stufe von unten nach oben „längst nicht so starr“, alle Stufen gleichzeitig teilweise gestillt
Oben das verwirklichte Ich Menschen mit einer Aufgabe außerhalb ihrer selbst, nicht unbedingt einer selbst gewählten
Wer oben ankommt jeder, der unten fertig ist „die Ausnahme“, ein sofort brauchbarer Fall unter 3.000 Studierenden
Belegstand Lehrbuchwissen nach Maslow ein Programm für künftige Forschung

Die Bedürfnispyramide hat nicht Maslow gezeichnet. Ganz oben stehen bei ihm Menschen mit einer Aufgabe außerhalb ihrer selbst, die sie sich nicht unbedingt ausgesucht haben.

Die Bedürfnispyramide hat fast allen gepasst

Mit der Pyramide wirke die Theorie abgeschlossen und vollständig, schreiben Bridgman und Kollegen. In Lehrbüchern hat sie das Fach praktisch erscheinen lassen und leicht abprüfbar gemacht. Außerdem hat sie die Hierarchien gerechtfertigt, in denen das Management damals gewachsen ist. Laut den Autoren hat sie fast allen Beteiligten gepasst, auch Maslow. Er hatte um 1957 das Interesse an empirischer Forschung verloren und hat der Pyramide danach kaum widersprochen. Die Studie, die ihre Herkunft geklärt hat, ist erst 2019 erschienen, 59 Jahre nach McDermids Artikel.

Wenn dir die Arbeit nichts mehr gibt, ist das nach Maslow zu erwarten

Ein gestilltes Bedürfnis ist für Maslow „kein Motivator“ mehr. Man müsse es „für alle praktischen Zwecke“ als verschwunden betrachten (Maslow 1943). Was du seit Jahren sicher hast, treibt dich deshalb kaum noch an.

„Dir fehlt nicht, was dich anschiebt, sondern dir fehlt etwas, das dich wie von selbst nach vorne zieht“, habe ich im Video über die Morgenroutine gesagt. Maslow hat 1971 geschrieben, Selbstverwirklicher seien „ohne eine einzige Ausnahme“ in eine Sache „außerhalb ihrer eigenen Haut“ eingebunden.

Wenn dir die Arbeit nichts mehr gibt, obwohl Gehalt und Sicherheit passen, hast du nichts falsch gemacht, weil dich laut Maslow kaum noch bewegt, was längst gestillt ist. Schau lieber dorthin, wo deine Arbeit bei anderen ankommt.

Warum dir Gehalt und Sicherheit kaum noch auffallen

Der Mensch lebe tatsächlich vom Brot allein, schreibt Maslow, solange kein Brot da ist. Ist der Bauch dauerhaft voll, tauchen sofort andere und höhere Bedürfnisse auf und übernehmen das Kommando (Maslow 1943).

Vielleicht ist bei dir am Monatsende das Gehalt am Konto, ohne dass du daran denken musst. In der Besprechung nicken die Leute, wenn du redest. Daheim wartet jemand auf dich, dein Vertrag läuft weiter, die Versicherung auch.

Wenn dein Brot so jeden Tag auf dem Tisch liegt und du dich am Freitag auf der Heimfahrt trotzdem fragst, wofür du das alles machst, meldet sich nach Maslow das nächste Bedürfnis. Über den Daumen gepeilt sind bei seinem Durchschnittsbürger die körperlichen Bedürfnisse zu 85 Prozent gestillt, die Sicherheit zu 70, Liebe und Zugehörigkeit zu 50, die Anerkennung zu 40 und die Selbstverwirklichung zu 10 Prozent.

Wenn ein Bedürfnis lange gestillt war, werde es womöglich unterschätzt, schreibt Maslow. Sein Beispiel dafür ist der Mann vom Anfang. Spielst du gerade mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen, dann schau dir vorher mein Video mit der Fünf-Millionen-Frage an.

Selbstverwirklichung gelingt laut Frankl nur nebenbei

Wenn dir die Arbeit nichts mehr gibt, liegt der Gedanke an eine Gehaltserhöhung oder einen größeren Titel nahe, obwohl dich laut Maslow mehr von dem, was du schon hast, kaum antreibt. Wer glaubt, dass es ganz oben um ihn selbst geht, stellt sich vor den Spiegel und fragt sich, wer er eigentlich ist und was er will.

Schon Maslow hat 1965 geschrieben, dass man bei einer Arbeit, in der man ganz drin ist, über sich selbst hinausgeht, „ohne es zu versuchen“. Der Wiener Psychiater Viktor Frankl hat die Selbstverwirklichung 1966 in einem Aufsatz über die Selbsttranszendenz neben Glück und Lust zu den Dingen gezählt, die man verfehlt, sobald man direkt nach ihnen greift (Frankl 1966).

Den Sinn findest du laut Frankl draußen in der Welt, bei einer Sache, der du dienst, oder bei einem Menschen, den du liebst. Je mehr du dich dabei selbst vergisst, desto mehr verwirklichst du dich. Selbstverwirklichung gibt es für ihn nur als Nebenwirkung (Frankl, „Man’s Search for Meaning“). Wie das bei der Leidenschaft für den Job ausschaut, habe ich im Video über die Leidenschafts-Falle erzählt.

Wilhelm Tupy hört beim 5. Weltkongress für Logotherapie in Antalya einem Vortrag zu
Beim 5. Weltkongress für Logotherapie in Antalya, 2025

Im Judo bist du nur so gut wie deine Trainingspartner

Ich mache Judo, seit ich sechs bin. Jigoro Kano, der Gründer des Judo, hat 1915 als Ziel seiner Sportart die „Vervollkommnung seiner selbst zum Besten der Gesellschaft“ genannt (Budo World, Universität Tsukuba). Wer nur mit Schwächeren übt, wird nicht gefordert und bringt im Wettkampf keine Leistung.

Mein Verein war damals sehr klein. In meinen besten Jahren hatte ich nur sehr wenige Partner, mit denen ich hart und auf Augenhöhe trainieren konnte. Wenn sich einer verletzt hätte oder ihm der Spaß vergangen wäre, wäre ich ohne Trainingspartner dagestanden. Besser werden mussten sie auch, sonst hätten sie mich bald nicht mehr gefordert. Manchmal sind sie schon um sechs in der Früh vor der Schule in die Halle gekommen und haben eineinhalb Stunden mit mir trainiert. Damals habe ich mir gedacht, auch wenn wir in einer Einzelsportart sind, kommst du nur zusammen weiter.

Wie dünn die Belege für die Bedürfnispyramide sind

Die Forschung nach Maslow hat seine Rangordnung nur zum Teil bestätigt. Wahba und Bridwell haben 1976 in einem Überblick kaum eindeutige Belege für die Theorie gefunden. Tay und Diener haben 2011 Daten von 60.865 Menschen aus 123 Ländern ausgewertet. Die Bedürfnisse haben sich dabei weltweit gezeigt, die Reihenfolge nur als schwache Tendenz. Menschen mit sozialer Unterstützung und Respekt ist es im Schnitt auch dann besser gegangen, wenn ihre Grundbedürfnisse nicht ganz gestillt waren.

Viktor Frankl, der selbst Auschwitz überlebt hat, hat Maslow 1978 widersprochen. Maslows Unterscheidung von höheren und niedrigeren Bedürfnissen übersehe, dass ein höheres Bedürfnis wie der Wille zum Sinn am dringendsten werden kann, wenn die niedrigeren nicht gestillt sind.

Frag dort nach, wo deine Arbeit ankommt

Was du lieferst, landet bei einer Kollegin, bei einem Kunden oder beim Team zwei Stockwerke tiefer. Ich nenne das die Lieferadresse deiner Arbeit.

Meine Arbeit kommt dort an, wo jemand nach monatelanger Arbeitslosigkeit endlich wieder einen Job findet oder wo sich ein Konflikt, der jahrelang geschwelt hat, in einer Session auflöst. Ich merke es auch, wenn sich jemand plötzlich auf den Montag freut, der vorher am Sonntagabend mit Bauchweh schlafen gegangen ist. Solche Momente sind für mich großartig.

  1. Such dir eine Person aus, bei der ein Ergebnis deiner Arbeit landet. Deine Führungskraft eignet sich dafür schlecht, weil es bei ihr schnell um Lob geht, also um Maslows vierte Stufe. Dann dreht sich das Gespräch wieder um dich.
  2. Frag sie, was sie mit deiner Arbeit macht, etwa mit „Wofür nimmst du eigentlich her, was ich dir liefere?“ Wenn es stockt, hilft die Nachfrage „Was wär, wenn es eine Woche lang nicht kommt?“
  3. Hör bis zum Ende zu, ohne zu erklären oder zu verteidigen. Dir reicht ein Satz, in dem sie erzählt, was sie mit deiner Arbeit anfängt.

Ein Gespräch geht sich jede Woche aus. Die Frage in Schritt 2 folgt Maslows „problemzentriert statt ichzentriert“ von 1950, denn „Wie findest du meine Arbeit?“ fragt nach dir und „Wofür nimmst du es her?“ nach der Sache.

Wenn der Satz kommt

Dann kennst du eine Lieferadresse. Wenn du diese Arbeit das nächste Mal erledigst, weißt du, bei wem sie landet und wofür sie dort gebraucht wird.

Wenn nur ein Schulterzucken kommt

Dann kommt die Person anscheinend auch ohne diese Arbeit gut aus. Das betrifft erst einmal nur diese eine Aufgabe. Kündigen würde ich deswegen nicht, denk an den Mann vom Anfang. Sinnvoller ist es, die Aufgabe umzubauen, etwa mit dem 14-Tage-Experiment aus diesem Video, oder eine zweite Lieferadresse zu suchen.

Wenn dir niemand einfällt

Dann darfst du ausnahmsweise deine Führungskraft fragen, so wie man nach dem Weg fragt und ohne auf ein Lob aus zu sein, etwa mit „Wer bekommt das am Ende?“

Bevor du alles hinschmeißt

Dass dich Gehalt und Sicherheit kaum noch antreiben, hat Maslow schon 1943 beschrieben. Frag erst einmal jemanden, bei dem deine Arbeit ankommt, wofür er hernimmt, was du lieferst. Bleibt es beim Schulterzucken, bau die Aufgabe um, bevor du über eine Kündigung nachdenkst.

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Häufige Fragen zur Bedürfnispyramide

Hat Maslow die Bedürfnispyramide selbst gezeichnet?

Nein, in der Originalfassung von 1943 beschreibt Abraham Maslow seine Bedürfnishierarchie nur in Worten. Als Diagramm hat er sie nie dargestellt. Das früheste veröffentlichte Stufendreieck, das die Managementforscher Bridgman, Cummings und Ballard gefunden haben, stammt aus einem Lehrbuch von Keith Davis von 1957. Die vermutlich erste Pyramide stammt vom beratenden Psychologen Charles McDermid, veröffentlicht 1960 im Artikel „How Money Motivates Men“. In Maslows Archiv haben die Forscher keine Spur einer Pyramide entdeckt (Bridgman et al. 2019).

Was steht ganz oben auf der Bedürfnispyramide?

Ganz oben steht die Selbstverwirklichung, bei Maslow 1943 das Bedürfnis, zu werden, was man sein kann. Die Menschen, an denen er sie 1950 beschrieben hat, waren „problemzentriert statt ichzentriert“ und hatten in der Regel eine Aufgabe, die sie erfüllen mussten und sich nicht unbedingt ausgesucht hätten (Maslow 1950). 1969 hat Maslow laut dem Psychologen Mark Koltko-Rivera noch die Selbsttranszendenz als eigene Stufe darübergesetzt. Das Wort bedeutet, über sich selbst hinauszugehen.

Welche Kritik gibt es an der Bedürfnispyramide?

Die Kritik betrifft vor allem die feste Reihenfolge der Stufen, die Maslow schon 1943 stark relativiert hat. Sie sei „längst nicht so starr“, schrieb er, die meisten normalen Menschen seien in allen Grundbedürfnissen gleichzeitig teilweise gestillt (Maslow 1943). Ein Forschungsüberblick von Wahba und Bridwell hat 1976 wenig klare Unterstützung für die Theorie ergeben. Tay und Diener haben 2011 bei 60.865 Menschen aus 123 Ländern die Bedürfnisse überall gefunden, die Reihenfolge aber nur als schwache Tendenz (Tay & Diener 2011).

Was hat Viktor Frankl an Maslow kritisiert?

Der Wiener Psychiater Viktor Frankl hat 1966 eingewendet, dass man Selbstverwirklichung wie Glück und Lust verfehlt, sobald man direkt nach ihr greift (Frankl 1966). Möglich ist sie für ihn nur als Nebenwirkung, wenn man sich einer Sache oder einem Menschen widmet. 1978 hat er außerdem geschrieben, Maslows Unterscheidung von höheren und niedrigeren Bedürfnissen übersehe, dass der Wille zum Sinn am dringendsten werden kann, wenn die niedrigeren nicht gestillt sind.

„Es läuft eh, aber es taugt mir nix mehr.“ Was sagt Maslow dazu?

Nach Maslows Theorie ist das zu erwarten, denn ein gestilltes Bedürfnis ist für ihn „kein Motivator“ mehr (Maslow 1943). Wenn Gehalt, Sicherheit und Anerkennung seit Jahren passen, bewegen sie dich kaum noch. Seine Selbstverwirklicher waren 1950 in der Regel auf eine Aufgabe außerhalb ihrer selbst ausgerichtet. Ein guter nächster Schritt ist deshalb ein Gespräch mit jemandem, bei dem deine Arbeit ankommt, etwa mit der Frage „Wofür nimmst du her, was ich dir liefere?“

Taugt Maslows Modell für Mitarbeiterführung?

Als Gesprächsanlass taugt es, zum Einstufen von Mitarbeitern kaum. Maslow hat seine Rangordnung 1943 an bewusst gefühlten Wünschen festgemacht und ausdrücklich nicht am Verhalten (Maslow 1943). Von außen lässt sich deshalb schwer ablesen, auf welcher Stufe jemand steht. Eine Führungskraft kann ihre Leute aber fragen, wo deren Arbeit ankommt.


Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.

Quellen

Zitate aus englischsprachigen Quellen sind meine Übersetzungen.

Primärquellen

  • Maslow, A. H. (1943). A Theory of Human Motivation. Psychological Review 50(4), 370-396. Freier Volltext, Classics in the History of Psychology, York University
  • Maslow, A. H. (1950). Self-Actualizing People. A Study of Psychological Health. Personality Symposium 1, 11-34. Freier Volltext als Nachdruck
  • McDermid, C. (1960). How Money Motivates Men. Business Horizons. Nicht frei zugänglich, zitiert nach Bridgman, Cummings & Ballard 2019.
  • Maslow, A. H. (1965). Eupsychian Management. Buch, nicht frei zugänglich, zitiert nach Kaufman 2022.
  • Maslow, A. H. (1971). The Farther Reaches of Human Nature. Buch, nicht frei zugänglich, zitiert nach Kaufman 2022.
  • Frankl, V. E. (1966). Self-Transcendence as a Human Phenomenon. Journal of Humanistic Psychology 6(2), 97-106. Verlagsseite, nicht frei
  • Frankl, V. E. Man’s Search for Meaning, Teil „Logotherapy in a Nutshell“. Buch, nicht frei zugänglich.
  • Frankl, V. E. (1978). The Unheard Cry for Meaning, S. 33. Buch, nicht frei zugänglich, zitiert nach logotherapy.ca.

Forschung über Maslow und die Pyramide

  • Bridgman, T., Cummings, S. & Ballard, J. (2019). Who Built Maslow’s Pyramid? A History of the Creation of Management Studies‘ Most Famous Symbol and Its Implications for Management Education. Academy of Management Learning & Education 18(1), 81-98. DOI 10.5465/amle.2017.0351. Abstract frei im Repositorium der Victoria University of Wellington
  • Tay, L. & Diener, E. (2011). Needs and Subjective Well-Being Around the World. Journal of Personality and Social Psychology 101(2), 354-365. Freier Volltext als PDF
  • Koltko-Rivera, M. E. (2006). Rediscovering the Later Version of Maslow’s Hierarchy of Needs. Self-Transcendence and Opportunities for Theory, Research, and Unification. Review of General Psychology 10(4), 302-317. Nur Abstract
  • Wahba, M. A. & Bridwell, L. G. (1976). Maslow Reconsidered. A Review of Research on the Need Hierarchy Theory. Organizational Behavior and Human Performance 15(2), 212-240. Zitiert bei ATD

Weitere Quellen

  • Kaufman, S. B. (2022). Purpose. The Psychologist, British Psychological Society, 12.9.2022, Auszug aus seinem Buch „Transcend“. Frei
  • ATD, Association for Talent Development. Blogbeitrag „Maslow’s Hierarchy. Separating Fact from Fiction“. Frei
  • Todo, Y. Kanō Jigorō. Budo World, Universität Tsukuba. Frei
  • logotherapy.ca, Beitrag „Meaning is a need or meaning as a need?“, 9.7.2020. Frei
  • Viktor Frankl Institut Wien, Biografie. Frei

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